Das Jobkarussell dreht sich. Viele junge Talente sind auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Immer mehr Bewerber:innen setzen in der Jobsuche auf Künstliche Intelligenz, um ihren Lebenslauf zu optimieren und sich im Bewerbungsprozess hervorzuheben. Gleichzeitig nutzen auch Unternehmen KI-gestützte Systeme, um die besten Talente auszuwählen. Diese analysieren beispielsweise Lebensläufe und Anschreiben, um geeignete Kandidat:innen basierend auf bestimmten Schlüsselwörtern, Qualifikationen und Erfahrungen zu identifizieren. Wie funktioniert diese Auswahl, was bringt sie beiden Seiten – und wie fair ist der Prozess?
Effizienz versus Menschlichkeit
Um das herauszufinden, ließen KI-Forscher:innen an der University of Chicago in einer Studie mit einer großen Personalvermittlungsfirma Künstliche Intelligenz gegen menschliche Personalvermittler:innen antreten. Das überraschende Ergebnis: 78 Prozent der Befragten bevorzugten die KI-Recruiter:innen. Die Vorstellungsgespräche, die von KI-generierten Avataren durchgeführt wurden, waren besser strukturiert, deckten mehr Themen ab und regten zu umfassenderen Antworten an. Das führte nicht nur zu einer höheren Qualität der Interviews, sondern auch zu besseren Einstellungschancen für die Bewerber:innen. Gespräche mit einem Avatar wirken jedoch nicht natürlich. Einige Probanden brachen das Gespräch ab, als sie merkten, dass sie mit einer Künstlichen Intelligenz sprachen.
Dieser KI-gestützte Pragmatismus ist in immer mehr Unternehmen zu beobachten. Der Gedanke dahinter: den Bewerbungsprozess so früh wie möglich zu rationalisieren und zu automatisieren. Jedoch sollten Recruiter:innen die Ergebnisse ihrer KI-gestützten Systeme immer kritisch hinterfragen und menschliche Intuition und Erfahrung in den Auswahlprozess einfließen lassen.
Wie Recruiter:innen KI einsetzen können
Die KI-Einsatzbereiche reichen von der Sichtung der Lebensläufe über die Planung von Vorstellungsgesprächen bis zur Einstellung und dem Onboarding. „In Zukunft wird die KI nahezu den gesamten Recruiting- und Hiring-Prozess abbilden“, sagt Miriam Schmid, Recruiting-Leiterin und Vice President Attract & Select bei der Telekom. Die KI könne vom Vorschlag der besten Kandidat:innen bis hin zur digitalen Vertragserstellung bei allen Schritten unterstützen. Schmid arbeitet gemeinsam mit einem Softwarearchitekten-Team an einem KI-basierten Selfservice, der Recruiter:innen die Arbeit deutlich erleichtert. „Dadurch verändert sich auch die Rolle der Recruiter:innen grundlegend. Sie haben mehr Zeit für Strategie und Berweber:innen-Kontakte“, so Schmid. Sie empfiehlt, im Personalwesen auf individuelle Lösungen zu setzen, die auf die Bedarfe und IT-Infrastruktur des jeweiligen Unternehmens angepasst sind. Es gibt bereits zahlreiche Tools, die vielseitige Hilfestellung geben:
1. Automatisierte Stellenausschreibung
KI-gestützte Tools ermöglichen es Recruiter:innen, den Bewerbungsprozess zu automatisieren und strategische Entscheidungen fundierter zu treffen. Schon bei der Stellenausschreibung beginnt die Arbeit mit KI. Spezifische KI-gestützte Text-Editoren können dabei helfen, präzise Stellenanzeigen zu erstellen. Die somit eingesparte Zeit gibt Ressourcen frei etwa für die persönliche Kommunikation mit den Bewerber:innen.
2. Datenanalyse und Auswahlverfahren
Auch Daten über Bewerber:innen zu sammeln und zu analysieren ist eine ideale Aufgabe für die KI. Hier kommt das sogenannte Resume Parsing zum Einsatz. Dabei analysieren KI-Textanalyse-Tools wie Semasuite® der Telekom unstrukturierte Dokumente wie Word-Dateien oder PDFs auf relevante Informationen und speichert diese strukturiert, um sie später beim Filtern einzusetzen. Im nächsten Schritt kann die KI aus den Daten Muster erkennen und Vorhersagen über den Erfolg von Kandidat:innen im Unternehmen treffen. Die Analyse kann auch dazu beitragen, Bias im Rekrutierungsprozess zu reduzieren, indem sie objektive Kriterien anwendet. Wichtig: Die KI filtert nur, sie trifft keine Entscheidungen. Am Ende wählt immer der Mensch die Auswahl.
3. Chatbots und Kommunikation
Unternehmen setzen immer häufiger Chatbots ein, um erste Fragen von Bewerber:innen zu beantworten und Informationen bereitzustellen. Die Telekom bietet mit Conversational AI die Kombination aus Voicebot und Chatbot für die Unterhaltung auf verschiedenen Kanälen. Das verbessert die Kommunikation und sorgt dafür, dass Bewerber:innen schnell Rückmeldungen erhalten. Die Bots lassen sich in separaten Bewerbungsportalen einbetten, sodass Interessierte sofort nach Informationen suchen können und sich im Prozess schneller zurechtfinden. Wer tatsächlich einmal KI-Avatare für Vorstellungsgespräche ausprobieren möchte, kann sich eine individuelle Version von Judy erstellen lassen.
4. Onboarding
Ist der passende Kandidat oder die passende Kandidatin eingestellt, geht es an die Einarbeitung. Dabei kann die Kollegin KI zum digitalen Onboarding-Buddy werden, zum Beispiel mithilfe von Business GPT. KI-Tools unterstützen mit Einarbeitungsplänen, stellen Schulungsunterlagen zur Verfügung, analysieren individuelle Skills und definieren Karriereziele. Die KI hilft neuen Mitarbeitenden sich im Unternehmen zurecht zu finden und schneller zu integrieren, indem relevante Informationen schnell zugänglich gemacht werden.
Wie Bewerber:innen KI einsetzen können
Auf der anderen Seite können Bewerber:innen ihre Bewerbung mithilfe von KI optimieren. Indem sie ihren Lebenslauf so gestalten, dass er perfekt auf die Stelle abgestimmt ist, erhöhen sie ihre Chancen, im KI-Recruiting ausgewählt zu werden. Doch auch menschliche Komponenten sind hier relevant. Daher sollten Bewerber:innen spätestens im persönlichen Interview ihre Soft Skills und die kulturelle Passung für das Unternehmen hervorheben.
1. Optimierung der Bewerbung
Bewerber:innen können ihre Unterlagen auf die Anforderungen der KI-gestützten Systeme abstimmen. Dazu gehört die Verwendung relevanter Schlüsselwörter und eine klare Struktur der Bewerbungsunterlagen. Ein gut formulierter Lebenslauf, der die geforderten Fähigkeiten und Erfahrungen hervorhebt, hat bessere Chancen, von der KI ausgewählt zu werden.
2. Online-Präsenz
Wichtige Voraussetzung für das Hervorstechen ist eine starke Online-Präsenz. Plattformen wie LinkedIn bieten Bewerber:innen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten und Erfahrungen zu präsentieren und von Recruiter:innen – sowohl menschliche als auch KI-gestützte – gefunden zu werden. Eine gepflegte Online-Präsenz kann den Unterschied ausmachen.
3. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit
Bewerber:innen sollten bereit sein, ihre Bewerbungsstrategien anzupassen. Es kommt immer öfter zu Video-Interviews und Online-Bewertungen. Bewerber:innen sollten sich auf diese Formate einstellen.
Was machte heute eine gute Bewerbung aus?
Eine gute Bewerbung zeichnet sich heute durch mehrere wichtige Elemente aus. Es ist entscheidend, relevante Schlüsselwörter zu verwenden, die in der Stellenanzeige vorkommen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Bewerbung von der KI als besonders gut geeignet erkannt und berücksichtigt wird. Darüber hinaus sollten die Informationen im Lebenslauf und Anschreiben klar und übersichtlich strukturiert sein. So können Recruiter:innen und KI-Systeme die Informationen schnell und einfach erfassen.
Eine weitere wichtige Komponente ist die Personalisierung der Bewerbung. Sind die Unterlagen auf das Unternehmen und die spezifische Stelle zugeschnitten, hebt sich die Bewerbung von anderen ab und zeigt, dass sich der Kandidat oder die Kandidatin mit der Unternehmensmission und -kultur identifizieren kann. Zusätzliche Materialien wie ein Portfolio, Arbeitsproben oder Referenzen sind wichtige Belege für die in der Bewerbung genannten Fähigkeiten.
Die Beispiele zeigen: Der Bewerbungsprozess wird sich durch den Einsatz von KI grundlegend verändern. Sowohl Recruiter:innen als auch Bewerber:innen müssen sich an die neuen Technologien anpassen und ihre Strategien entsprechend gestalten. Es gilt, sich in den neuen KI-gestützten Prozessen zurechtzufinden.
KI kann die Effizienz und Objektivität im Recruiting erhöhen, doch der menschliche Faktor bleibt unerlässlich. Die besten Ergebnisse werden also erzielt, wenn Technologie und menschliche Intuition Hand in Hand gehen. Insbesondere im Vorstellungsgespräch sollte Menschlichkeit der entscheidende Faktor sein.