In den frisch renovierten Hallen des Rechenzentrums für die “Industrial AI Cloud” in München herrscht Hochbetrieb. Techniker:innen rollen schwere Kisten über den Betonboden und öffnen metallene Verschläge, in denen Maschinen lagern, die wie futuristische Tresore wirken.
Nur wenige Monate nach der offiziellen Ankündigung ist das neue Rechenzentrum der Telekom nahezu vollständig umgebaut, erweitert und neu verschaltet. Hinter schlichten Mauern entsteht eine der leistungsstärksten Infrastrukturen für Künstliche Intelligenz, die Deutschland je gesehen hat.
Mehr als 1.000 NVIDIA-DGX-B200-Systeme und RTX-PRO-Server werden derzeit verbaut – viele davon stehen noch eingeschweißt, aber schon bald bereit für ihren ersten Probelauf. Gemeinsam bilden sie eine Plattform mit bis zu 10.000 Blackwell-GPUs: Die Systeme orchestrieren die Entwicklung und das Training großer KI-Modelle, bündeln Speicher- und Hochgeschwindigkeitsnetzwerke und stellen die GPU-Dichte für besonders komplexe Workloads bereit. Deren Komponenten werden so eng vernetzt sein, dass jedes Bauteil in Millisekunden mit den anderen kommuniziert. Dafür wurden 75 Kilometer Glasfaser im Gebäude verlegt – denn für Künstliche Intelligenz müssen Daten fließen wie Strom.
Die Rechenleistung, die daraus entsteht, ist enorm: 0,5 ExaFLOPS (500 Billiarden Floating Point Operations Per Second). Die Zahl klingt abstrakt – aber sie steht für einen technologischen Quantensprung. Für ein einzelnes System, das in einer Sekunde so viele Rechenoperationen erledigt wie die gesamte Weltbevölkerung in zwei Millionen Jahren. Eine Größenordnung, die selbst erfahrene Ingenieur:innen kurz innehalten lässt.
Digitale Souveränität als Voraussetzung für echte Wettbewerbsfähigkeit
Klaus Werner, Geschäftsführer Geschäftskunden der Telekom Deutschland, bringt die Zielsetzung hinter der neuen KI-Fabrik auf den Punkt: „Deutschland ist mit KI vorn dabei – wenn wir es souverän tun.“ Mit der neuen KI-Fabrik und einer souveränen Cloud beginnt für Unternehmen, die große Modelle trainieren oder anspruchsvolle Simulationen durchführen, ein neues Zeitalter. Bislang mussten sie sich zwischen Geschwindigkeit und Souveränität entscheiden – zwischen globaler Cloud-Power einerseits und dem Schutz sensibler Fertigungsdaten andererseits. Die Industrial AI Cloud löst diesen Zielkonflikt und vereint das, was lange als unmöglich galt: massive Rechenleistung und volle Kontrolle.
Das betont auch Dr. Ferri Abolhassan, Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom und CEO von T-Systems: „Wir ermöglichen deutschen und europäischen Unternehmen, ihre KI-Strategien ab sofort umzusetzen – nicht erst in drei Jahren.“ Denn anders als viele Großprojekte ist die KI-Fabrik nicht als ferne Zukunftsvision konzipiert, sondern als längst überfällige Antwort auf aktuelle Anforderungen des Marktes.
Ganzheitliches System aus dem Deutschland-Stack
Hardware allein löst keines der Probleme, die Unternehmen heute wirklich beschäftigen. Für die Industrie zählt, wie schnell aus reiner Rechenleistung konkreter Wert entsteht – etwa in der Automatisierung, Qualitätssicherung, Entwicklung oder Logistik.
Deshalb basiert die neue KI-Fabrik nicht auf einem System aus Einzelkomponenten, sondern auf einem KI-nativen Software-Stack, der den gesamten Weg von der Modellidee bis zum Rollout nahtlos abdeckt. Herzstück ist der Run:AI-Scheduler, der GPU-Ressourcen präzise steuert und verteilt. Er wird ergänzt durch NVIDIA AI Enterprise, das Trainingspipelines und Modelle beschleunigt. Darüber liegt ein SAP-Software-Layer, der in die Telekom-T-Cloud integriert ist, während die Netzwerkarchitektur des Unternehmens für minimale Latenz sorgt. Gemeinsam formen diese Bausteine den „Germany Stack“ – ein Ökosystem aus europäischen Standards, lokalen Partner:innen und souveräner Kontrolle über Daten und Infrastruktur.
„Unternehmen wollen KI-Modelle entwickeln und betreiben, ohne sensible Daten ins Ausland geben zu müssen“, sagt Werner. Genau dafür ist die Industrial AI Cloud gebaut. Sie unterscheidet sich grundlegend von globalen Hyperscalern: Statt generischer Rechenleistung bietet sie eine Kombination aus Infrastruktur, Software, Compliance und Netzwerk – aus einem Guss. Unternehmen und Institutionen müssen keine eigene Abteilung für Künstliche Intelligenz mehr aufbauen. Sie müssen nicht planen, nicht orchestrieren, nicht skalieren. Sie müssen nur beginnen.
Und tatsächlich wird diese Vision schon bald Realität. Bereits ab dem ersten Quartal 2026 steht die neue KI-Fabrik vollständig zur Verfügung und schafft die Grundlage für einen reibungslosen, effizienten Betrieb. Schon im Dezember erhalten Unternehmen die Chance, erste praktische Erfahrungen in einer speziellen Testumgebung zu sammeln und sich auf den bevorstehenden Wandel vorzubereiten.
Die kurze Zeitspanne von lediglich sechs Monaten zwischen Projektbeginn und dem ersten operativen Einsatz wäre in der europäischen Infrastrukturpolitik normalerweise ein Grund zum Feiern. Doch in der Welt der Künstlichen Intelligenz ist dieses Tempo kein Bonus, sondern eine Notwendigkeit, um mit dem rasanten technologischen Fortschritt Schritt zu halten. Dass dieser hohe Anspruch bereits umgesetzt wird, zeigt eines der ersten Großprojekte, das von der neuen Infrastruktur profitieren wird.
Sechs Partner:innen, ein Ziel
Was alles möglich ist, zeigt sich aktuell an der Leibniz Universität Hannover. Die Deutsche Telekom stellt der Hochschule mit ihrer KI-Fabrik die technische Grundlage für das Forschungsprojekt SOOFI (Sovereign Open Source Foundation Models) bereit, eine der wichtigsten europäischen KI-Initiativen. Entwickelt wird ein Large Language Model mit rund 100 Milliarden Parametern, das nicht nur technologisch, sondern auch geopolitisch relevant ist. Es wird vollständig in Europa trainiert und betrieben.
SOOFI entsteht im Verbund von sechs führenden Forschungseinrichtungen und zwei Start-ups. Unterstützt von der Fraunhofer-Gesellschaft, dem KI-Bundesverband und dem Center for Sovereign AI (CESAI) sowie gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, soll das KI-Modell künftig dort eingesetzt werden, wo europäische Sprachen, industrielle Prozesse und hohe Anforderungen an den Datenschutz zusammenkommen – in Fertigung, Mittelstand, Wissenschaft und Verwaltung.
Für das Training erhält SOOFI ab März 2026 eine dedizierte Recheneinheit innerhalb der Industrial AI Cloud. Der Verbund umfasst rund 130 NVIDIA-DGX-B200-Systeme mit mehr als 1.000 GPUs, exklusiv für das Sprachmodell reserviert. Dieser Cluster ist speziell dafür ausgelegt, ein Modell dieser Größenordnung in Trainingszyklen zu berechnen und dabei die gesamte Wertschöpfung unter europäischer Kontrolle zu halten.
„Digitale Souveränität ist geschäftskritisch für den Wirtschaftsstandort Europa. Wir sind stolz, gemeinsam mit der Leibniz Universität, der Fraunhofer-Gesellschaft und dem KI-Bundesverband ein Projekt umzusetzen, das für die Zukunftsfähigkeit und Unabhängigkeit Europas entscheidend ist“, sagt T-Systems-Chef Ferri Abolhassan.
Europas ungenutzte Ressource
Europa hat bei generativen KI-Modellen lange Zeit hinter den USA und China zurückgelegen. Doch in einem Bereich verfügt der Kontinent über etwas, das kaum ein anderes Ökosystem in dieser Dichte besitzt: Maschinenbau, Fertigung, Ingenieurskunst. Es sind die Rohstoffe industrieller KI, jahrzehntelang gewachsene Domänenexpertise, tief verankert in produzierenden Unternehmen, Laboren und Werkhallen.
Wer industrielle Prozesse versteht, versteht auch, wo Künstliche Intelligenz den größten Hebel ansetzen kann. Die Dringlichkeit dieser Aufgabe benennt Abolhassan: „Weil sich hier die Zukunft unseres Wohlstands abspielt: in digitalisierten Fabriken, in automatisierten Lieferketten, in virtuellen Entwicklungsumgebungen. Wer die industrielle KI beherrscht, entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften.“
In diesem Wettbewerb reicht es nicht, Modelle lediglich zu nutzen. Europa muss sie selbst entwickeln und souverän betreiben – auf KI-Systemen, die Daten schützen, Compliance sicheren und Innovation beschleunigen. Genau dafür wurde die Industrial AI Cloud gebaut: als Fundament für eine Wirtschaft, die KI nicht konsumiert, sondern gestaltet.
Die Wirtschaft nimmt die Zukunft selbst in die Hand
Mit der KI-Fabrik in München etabliert sich die Telekom als Vorreiter. Doch im europäischen Kontext markiert sie erst den Beginn der nötigen Skalierung. Die Gigafactory-Initiative der EU sieht vor, in jedem Mitgliedsstaat KI-Infrastruktur im industriellen Maßstab aufzubauen – mindestens 100.000 GPUs pro Standort, betrieben nach europäischen Standards. Der Münchner Standort erreicht bereits rund zehn Prozent dieser Zielgröße. Was vor Kurzem noch Vision war, wird damit greifbar. Und es zeigt, dass Europa nicht mehr nur über digitale Souveränität spricht, sondern sie aufbaut.

Für die Telekom ist dieses Projekt ein Schlüssel zu digitaler Souveränität – ein Signal an Unternehmen und Forschungseinrichtungen, dass sie ihre KI-Zukunft in Europa gestalten können, ohne Kompromisse. Bemerkenswert ist, dass diese Infrastruktur nicht durch eine staatliche Großinvestition entstanden ist. Sie ist privatwirtschaftlich initiiert und finanziert. Ein Zeichen dafür, wie ernst die Unternehmen die Notwendigkeit einer eigenständigen europäischen KI-Basis inzwischen nehmen.
Europa steht am Beginn einer neuen Ära, in der die Frage nicht lautet, ob KI zum Produktionstreiber wird, sondern wo. „Im KI-Wettlauf brauchen Deutschland und Europa Geschwindigkeit und Souveränität – und Unternehmen, die mit Mut und Entschlossenheit vorangehen“, sagt Abolhassan.
In der bayerischen “Industrial AI Cloud” sind die Kisten verstaut, die Maschinen verkabelt, durch die Gänge zieht ein beständiges Brummen – das Atemgeräusch einer Infrastruktur, die bereit für die Zukunft ist. In den kommenden Monaten werden hier Modelle trainiert, Prozesse simuliert, Fabriken geplant und Produkte entwickelt. Damit gewinnt Europa etwas zurück, das lange verloren schien: die Fähigkeit, seine digitale Zukunft selbst zu bauen.